Text: Tonia von Gunten, Elternpower.ch

Wer deckt heute den Tisch?

Manchmal wünsche ich mir, dass mir meine Kinder im Haushalt mehr helfen. Und eigentlich möchte ich, dass sie kleine und immer wiederkehrende Arbeiten wie Tisch decken einfach so erledigen, ohne dass ich sie darauf aufmerksam machen muss. Soll ich einen Ämtliplan einführen? Sie mögen sich sicher erinnern (und haben zu Hause vielleicht selber einen hängen). So ein Plan kann funktionieren. Oder eben auch nicht...

Sollen meine Kinder Pflichten haben? Aufgaben, die ich Ihnen verteile? Pflichten sind Pflichten und haben eigentlich nichts mit Liebe zu tun. Also sollte ich keinen „Dank“ für meine Liebe erwarten indem ich verlange, dass die Kinder ihre Pflichten erfüllen. Wertvoll werden sich die Kinder für die Familie dadurch auch nicht fühlen. Und es ist ein deutlicher Unterschied, ob die Kinder spüren, dass ihre Eltern wirklich Hilfe gebrauchen oder ob die nur Aufgaben verteilen. Im ersten Fall sind sie wirklich wertvoll für die Eltern. Die Aufgaben, die Kinder übertragen werden, sollen wichtig für meine Familie sein. Für die Ausbildung der sozialen Verantwortung der Kinder ist dies jedoch nicht notwendig.

Kinder sind wirklich wertvoll für die Eltern, wenn sie spüren können, dass ihre Eltern wirklich Hilfe gebrauchen.

Bis die Kinder etwa 10 Jahre alt sind und die Planung der Zukunft einigermassen überblicken können, sollte man ihnen keine regelmässigen Pflichten aufbürden. Aber wir können sie um Hilfe in bestimmten Situationen bitten! Sehen wir uns den Unterschied an: "Astrid, denk daran, dass du heute mit dem Tischdecken dran bist!" Besser: "Astrid, ich brauche ein wenig Hilfe. Könntest du bitte heute das Tischdecken übernehmen?"

Und wenn die Kinder dann keine Lust zum Helfen haben? Zudem werden wir sie mit unserer Bitte sicherlich bei etwas stören, das sie noch zu Ende führen wollen: "Das geht nicht. Ich muss gerade noch meinen Legoturm fertig bauen!" Dann kann ich sagen: "Ok, mach das, aber nachher könntest du dennoch den Tisch decken, wenn du fertig bist, ok?" In der Regel sagen die Kinder dazu ja. Wir müssen ihnen aber Zeit lassen ("du brauchst es nicht gleich und sofort zu machen") und sie müssen auch keine Lust dazu haben ("ich hab manchmal auch keine Lust dazu. Mache es aber bitte trotzdem.") oder aber, wenn es uns nicht so wichtig ist, können wir auch mal sagen: "Okay, dann mach ich es selbst."

Hilfsbereitschaft statt Pflichtgefühl

Wer auf Hilfsbereitschaft setzt und nicht auf Pflichtgefühl, erhält ein tolles Training darin, ehrlich und aufrichtig Ja und NEIN zueinander zu sagen. Dabei entwickeln wir ein Gespür für unsere Grenzen und Bedürfnisse.

Es geht darum, ein Gefühl für die Verantwortung aus sich selbst heraus zu entwickeln, statt es von aussen verordnet zu bekommen.

Kinder wollen für die andern wertvoll sein! Aber dies hat selten mit dem Ausüben bestimmter Tätigkeiten zu tun. Zudem sollten Kinder bis 10 Jahre so viel wie möglich spielen. Dies ist für ihre ganze Entwicklung und für ihr Lernverhalten am Besten. Davor haben sie nur eine begrenzte Vorstellung von der Zukunft. Also wissen sie eigentlich gar nicht, worauf sie sich einlassen, wenn sie uns versprechen, dass sie 3x pro Woche den Tisch decken würden. Soziale Verantwortung entsteht nämlich, wenn Menschen sich frei fühlen, diese auszuüben, statt einer Verpflichtung nachzukommen, die ihnen von andern diktiert wird. Da besteht auch kein Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen.

Also werden wir bei uns keinen Ämtliplan erstellen. Stattdessen fühle ich mich frei und bitte unsere Kinder: „Jetzt brauche ich aber eure Hilfe. Wer deckt heute für uns den Tisch?“