Wie helfen wir Kindern, die Angst zu überwinden?

„Es ist wahr, im Fall!“ erzählt das kleine Mädchen seinen Kollegen auf dem Schulhausplatz. „Er nimmt Kinder mit und frisst sie dann auf!“ redet sie weiter. „Das habe ich auch schon gehört“, erwidert ein Junge etwas verängstigt, während sie alle zusammen darauf warten, dass der Unterricht bald beginnt.

Und dann sitzt ein Junge da und hat wirklich Angst. Das Herz rast, der Atem geht schnell, seine Arme fühlen sich wieder so komisch an und er kann nicht anders als leise los zu weinen. Er läuft raus, es ist ihm peinlich. Er zieht sich Jacke, Schuhe und Mütze an. So fühlt er sich schon ein kleines bisschen sicherer. Die andern Kindern versuchen, ihn zu beruhigen: „Ach, das ist doch alles gar nicht wahr! Ich glaub kein Wort. Das ist nur eine Legende!“ sagt jemand leise. Und dann kommt die Lehrperson rein und bittet ihn, seine Winter-Sachen nun wieder aus zu ziehen...

Wenn Kinder #Angst kriegen

Was können wir Erwachsenen tun? Wie können wir Kindern helfen, solche Ängste zu überwinden?

Soll man fortan wieder mitlaufen? Schliesslich will man doch nicht, dass Kinder auf dem Schulweg Angst leiden müssen. Und zudem hat man diese Geschichte doch auch schon gehört. Oder gelesen? Auf facebook, bei einer guten Kollegin, die sicher nicht lügt! Ob das was Wahres dran ist? Da hilft es, ein paar Mal tief durch zu atmen und sich selbst „Reality check!“ zuzurufen. Gehen wir doch wieder davon aus, dass alles (hier bei uns zumindest und im grössten Teil) für die Kinder völlig in Ordnung ist.

„Die optimale Begleitung ist ein ruhiger Erwachsener, der darauf vertraut, dass das Kind schon selbst den richtigen Weg finden wird. Ein nervöser, gestresster, frustrierter oder mental abwesender Erwachsener ist hingegen kein guter Begleiter.“ Jesper Juul

Arbeiten wir Erwachsenen doch daran, optimale Begleiter zu sein. Wir tun uns gut daran, den eigenen Zustand und unser Verhalten den andern gegenüber immer mal wieder unter die Lupe zu nehmen. Geht es mir gut? Bin ich glücklich? Schaffe ich es, mich zu entspannen? Kann ich mein Kind anerkennen und ihm mit Empathie begegnen?

Es ist doch so, wenn uns selbst die Ruhe fehlt, wie soll sie dann das Kind finden? „Ich habe doch jetzt keine Zeit, ich muss schliesslich arbeiten!“ Wer diesen Satz quasi in Dauerschleife von sich gibt, hilft damit niemandem. Am wenigsten sich selber. Das Kind fühlt sich schnell verantwortlich für Dinge, die es selber nie und nimmer ändern kann. Die eigenen Ängste behält es dann wohl selber für sich, damit die Mutter nicht „noch weniger Zeit hat“ und was passiert? Die Ängste, die dadurch weder Platz noch Zeit kriegen, werden verdrängt. Doch sie sind fies genug, und mit Sicherheit werden sie sich einen neuen Weg suchen. Vielleicht nicht sofort, vielleicht erst wenns dunkel wird, wie auch immer.

Bei den meisten von Kindern erlebten Ängsten hilft es, diese einfach erst mal wahrzunehmen und dem Kind in Ruhe und mit Empathie zuzuhören. Es hilft dem Kind nicht, ihm jede mögliche „Gefahr“ aus dem Weg zu räumen, sie zu belächeln oder die eigene Angst und Unsicherheit zu überspielen. Am besten sprechen wir persönlich und direkt mit unseren Kindern, erzählen auch mal von unseren Ängsten aus der Kindheit und bestärken die Kids, Dinge selber zu üben und es irgendwann selbst zu schaffen, mit den Unsicherheiten im Leben klar zu kommen. Das ist für viele Erwachsene nicht leicht, einfach so auszuhalten. Es hilft dabei, sich selbst in Erinnerung zu rufen, dass wir Erwachsenen viel mehr Übung und Lebenserfahrung als die Kinder haben.

„Gönnen wir den Kindern die Zeit, die sie brauchen,

um Ängste zu überwinden und Selbstwertgefühl zu entwickeln.“  Tonia von Gunten