Was Kinder und Eltern statt Nachhilfe wirklich brauchen.

Was Kinder und Eltern statt Nachhilfe wirklich brauchen.

Welche Kinder haben Bock auf Nachhilfe? Mögen Jugendliche ständig rumdoktern und die eigenen Defizite ausbessern? Es genügt heute nicht mehr, dass Kinder und Jugendliche tagsüber in die Schule gehen und danach ihre Hausaufgaben machen.

Jedes dritte Kind erhält in der Schweiz eine spezielle Förderung, ist diese Woche in den Medien zu lesen. Es reicht nicht mehr, dass Kinder zu Hause und in der Schule weiterkommen, Neues entdecken, grösser, älter und gescheiter werden. Also brauchen sie Nachhilfe, damit der Schulstoff sitzt. Vor allem, damit sie ins Gymnasium kommen oder dort bleiben können?

Was wollen wir erreichen?

Ich frage mich, warum es uns Eltern nicht genügt, was unsere Kinder selber zu leisten vermögen. Welches Ziel wollen wir damit erreichen? Sollten es unsere Kinder einmal besser in ihrem Leben haben als wir? Ist eine gute Ausbildung so wichtig, weil es unsere Kinder sonst zu nichts bringen werden? Denken wir, dass gute Noten heute das A und O sind und nur die Besten der Besten einen Job finden werden? Dann heisst das für viele Kinder ganz klar, sehr viel zu büffeln. Alles zu geben, um bessere Noten zu schreiben, weil es scheinbar das ist, was zählt. Und weil dies von alleine oder mit Hilfe der Eltern so oftmals nicht klappt, Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. Quasi ständig Überstunden zu machen. Und mit der Haltung und dem Druck, dass Defizite nicht sein dürfen, lassen wir die jungen Menschen, für die wir verantwortlich sind, erwachsen werden.

Wer über Jahre mit dem Gefühl aufwächst, nicht gut genug zu sein, kann kein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln.

Wen sich ein Kind daran gewöhnt hat, dass ständig andere Personen da sind die helfen, erklären, Probleme lösen, wird es nie die Verantwortung über sich und sein Lernverhalten übernehmen. Wozu auch? Den Umgang mit den eigenen Fehlern, Unsicherheiten und Schwächen wird ganz klar trainiert und in den meisten Fällen optimiert. Aber was ist mit den Talenten, mit dem was ein Kind gut kann? Weiss es das überhaupt und kann dadurch ein realistisches Bild von sich selbst aufbauen? Wird es in seiner Einmaligkeit wahrgenommen und sieht überhaupt jemand, was es den ganzen Tag leistet?

Die Misere fängt doch schon ganz früh an. Wenn Eltern ihre Kinder in den ersten Klassen pushen und mit ihnen Hausaufgaben machen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf dieser Welt. Und die Kinder ständig üben, üben und nochmals üben müssen. Schöner schreiben bitte! Schneller rechnen. Und im Kopf, nicht mit den Fingern. Und dann... zieht es an. „In der 3. Klasse, da ist es nicht mehr lustig mit den Hausaufgaben!“ Beklagte sich kürzlich eine Mutter bei mir. Dasselbe höre ich immer wieder auch von Eltern mit Schülern aus der 4., 5., 6., 7., und 8. Klasse. Und so leiden sich die Kinder durch die obligatorische Schulzeit. Viele brauchen Nachhilfe und schaffen es so vielleicht mit viel Mühe, die weiteren Ausbildungen zu besuchen.

Was macht Sinn?

Kinder sollten doch die Welt mit ihren Augen erleben, entdecken und erforschen dürfen. Ich liebe es wenn ein Kind sagt: „Das interessiert mich so sehr! Darüber möchte ich noch ganz viel wissen!“ Leider kommt dies viel zu selten vor. Was läuft falsch? Kinder und Jugendliche müssen oft das lernen, was sie noch nicht können. Zu einem Zeitpunkt, wo sie andere Interessen haben oder noch nicht so weit sind.

Unsere Einstellung muss sich verändern. Und die Schule muss sich verändern. Die Schule hat ja viel erreicht, aber sie passt heute einfach nicht mehr. Es gibt heute Internet und die breite Allgemeinbildung ist schon alleine deshalb nicht mehr so wichtig. Wir brauchen heute Menschen, die Fragen stellen, kreativ sind und selber denken statt Menschen, die gehorsam Befehle ausführen.

Was brauchen Kinder statt Nachhilfe?

Kinder brauchen ein gutes Lern-und Entwicklungsfeld mit empathischen Eltern und Lehrpersonen, die sich um ihre Beziehungskompetenz kümmern. Wir wissen heute, dass Lernen nur über Beziehungen funktioniert. Das heisst auch, dass jeder seine eigenen Grenzen kennen lernt. Dass in der Schule jeder wahre Gefühle und Worte äussern darf. Dass sich erwachsene Personen in der Schule für die Kinder interessieren und es schaffen, alle Kinder zu begleiten.

Jedes Kind sollte seine Potenziale kennen lernen und dabei erleben, dass es richtig ist und bei sich zu Hause wie auch in seiner Klasse geschätzt und gebraucht wird. Klar sollten Kinder auch lernen, Dinge zu tun, die sie nicht so sehr mögen. Und vielleicht braucht man da auch mal eine Extraportion Hilfe. Dies sollte aber nicht die Regel sein. Ich denke, dass wir heute wirklich eine neue Art von Schule brauchen, damit Lernen gelingt und die Kinder Herausforderungen im Leben annehmen können. Dann aber richtig und mit Elan. Selber, und doch nicht alleine. Viele Schulen sind schon auf dem guten Weg. Begleiten wir unsere Kinder dabei, aber bitte... ohne Nachhilfe.

Jedes Kind sollte seine Potenziale kennen lernen und dabei erleben, dass es richtig ist und bei sich zu Hause wie auch in seiner Klasse geschätzt und gebraucht wird.

Text: Tonia von Gunten, www.elternpower.ch