Schuldgefühle

Liebe Tonia, Ich hab ein Thema, das wohl viele beschäftigt - mich besonders stark - aber es getraut sich niemand darüber zu sprechen. Schuldgefühle. Ich habe unglaubliche Schuldgefühle gegenüber meinen beiden Kindern, Ben und Anna. Manchmal raste ich aus, verliere die Nerven...

Und dann habe ich tagelang ein schlechtes Gewissen oder eben Schuldgefühle, die mich fast zerreissen. Heute zum Beispiel wollte Ben, er war müde, nicht in seinen Autositz. Ich kann das so gut verstehen!!! Aber wir „mussten einfach“. Er hat sich zweimal richtig stark dagegen gewehrt und beim dritten Mal hab ich ihn einfach so stark festgehalten, dass er nicht mehr anders konnte. Es tat ihm wahrscheinlich auch weh… habe die Türe hinter mir zugeschlagen und fuhr los. Natürlich weinte er. Ich hielt an und erklärte ihm, dass ich einfach wütend war und wir schon zu spät dran seien (ist ihm doch egal und damit hätte er auch rechtJ. Danach weinte er noch mehr… Ich fuhr dann weiter und er ging dann glücklich in die Kita mit seiner grossen Schwester. (Es war sein erstes Mal)

Ich war dann weniger glücklich. Ich sitze nun zu Hause und hab ziemliche Schuldgefühle… Und wenn dann mir noch jemand sagt, es sei doch normal dass man manchmal die Geduld verliert, dann werde ich noch wütender auf die Person (also tu es nicht =)) - Weil für mich ist es nicht normal - ich möchte nicht so reagieren!!!

Danke fürs Zuhören - manchmal muss das einfach raus, damit es mich nicht noch mehr zerfrisst!!! Liebe Grüsse, Lisa

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Antwort von Tonia von Gunten:

Liebe Lisa, du hast Recht. Das Thema beschäftigt tatsächlich sehr viele Eltern. Gefühle... Schuldgefühle gegenüber den eigenen Kindern. Ein schlechtes Gewissen, weil man nicht so reagierte, wie man gerne würde. Weil man an seine eigenen Grenzen stiess. Oder wohl eher: darüber hinaus ging. Weil man zu brutal, zu laut, zu ungeduldig war, weil man den eigenen Kindern weh tat. Nie wollte man das tun. Und dann tat man es doch. Es ging so schnell.

„Es ist manchmal schwierig, sich selber auszuhalten, verschweige denn die andern.“

Stell dir vor, dass jeder Mensch Grenzen hat. Die sind so ein bisschen aus Gummi. Sehr dehnbar, manchmal nicht so recht sichtbar, aber dennoch vorhanden. Und bemerkbar machen sie sich, wenn ihnen jemand nahe kommt oder sie übertritt. Und ich denke, dass du in letzter Zeit ein paar solcher Übertritte deiner eigenen Grenzen erlebt hast. Deine Kinder sicher auch. Nun, was ist zu tun?

Ich sage dir jetzt nicht, das sei doch normal. Nicht, dass du noch wütender wirst! Wobei ich es eigentlich, sei mir nicht all zu böse, doch sehr gerne tun würde. Aber weißt du, über den Begriff NORMAL könnten wir ja auch laaange zusammen diskutieren, denn... was ist schon normal? Niemand ist es. Niemand will es sein. Oder doch?

Wir Eltern haben es doch gerne schön friedlich und harmonisch. Aber dann ist das alles andere als einfach, gerade in stressigen Situationen zu Hause oder in der Öffentlichkeit, wo Zeitdruck herrscht und sich die eigenen Kinder nicht wie kleine flinke aber ruhige Ameisen verhalten. Da finden es die meisten Eltern schwierig, mit dem Verhalten der Kinder umzugehen. Und es gibt so viele Situationen davon! Hier nur ein paar, bei denen du vielleicht zu nicken beginnst: Zusammen essen, wenn Besuch kommt, schlafen gehen, Zähne putzen, sich bereit machen, in den Autositz heben lassen, im Sitz sitzen bleiben, selber spielen, im Wartezimmer warten, wenn ich am Telefon bin, sich anziehen, einkaufen, reisen, neue Situationen... die Liste scheint im Leben mit kleinen Kindern endlos.

Nun, was können wir gegen Schuldgefühle tun?

Wie immer vieles, wenn wir wollen:

  • Es ist vorbei! Halte keine Moralpredigt mehr mit dir selber. Kein Mensch braucht das. Du bist unzufrieden? Ok, ist so. Niemand ist perfekt. Alle sind aber lernfähig. Vieles läuft gut, einiges schief, ist so im Leben.
  • Vorbereiten: Was können wir selber tun, damit weniger Hektik eintritt? Bestimmte Situationen gar nicht eintreten? Wir können uns eine bevorstehende Situation vorstellen, durchspielen. ZB. hilft es enorm, Taschen am Vorabend zu packen, Kleider bereit zu legen, Kinder vom nächsten Tag zu erzählen. Zu sagen, was wir vorhaben (nicht nur denken und in letzter Minute davon erzählen).
  • Zeit, Übung, Rhythmus, Abläufe: Mit der Zeit wird’s besser. Geben wir uns und den Kindern die nötige Zeit und die Möglichkeit, Dinge mehrmals zu tun und zu üben. Immer wieder! Hat es nicht geklappt? Ok. Das nächste Mal wird’s besser! Kann man sich selber und den Kindern sagen. Tut doch gut! Und wenn wir den Rhythmus beachten, also ZB wenn die Kinder essen und schlafen, hilft das enorm. Was ist denn schon dabei, sich eine Zeitlang im Leben danach zu richten? Dies vereinfacht allen das Leben. ZEIT! Halt wirklich einberechnen. Früher aufstehenJ und für sich selber was tun. Es lohnt sich wirklich, sich Gedanken dazu zu machen. Übungen für sich zu finden, um zu sich selber zu kommen. Was tut mir gut? Kümmere dich jetzt (wieder mehr) um dich selbst. Das ist so wichtig, gerade auch für deine Kinder.
  • Unterstützen, Ermutigen, präsent sein: Ermutigen wir unseren Kindern, immer wieder Neues zu lernen und dabei eben auch mit schwierigen Situationen umzugehen. Wenn wir dann mal sagen: „Kind, jetzt tut es mir leid. Wir sind knapp dran, lass uns Gas geben, ich danke dir!“ Dann wird es das Kind für mich tun, wenn es gelernt hat, dass es mir jetzt ernst ist.

Und wenn ich das Kind in den Kindersitz drückte? Ist nicht die feine Art, aber vielleicht hatte ich in der Situation einfach keine andere Wahl! Und dann muss ich mit den Gefühlen des Kindes klar kommen. Klar, es wird schreien. Hoffentlich! :-) Und du hast dem Kind dann gesagt, tut mir leid. Voila! Unperfekte Mutter. Hättest ja auch 5 Minuten warten können. Hast du aber nicht getan. Ist so. Und dabei ist es so wertvoll, dass du Schuldgefühle hast, denke ich! Man kann es doch auch so sehen. Stell dir vor, du hättest keine. Du fändest dein Verhalten, dem Kind weh zu machen, in Ordnung. NORMAL. Darum geht es doch, oder? Das willst du nicht. Keine solche Mutter sein.

Weißt du was? Manchmal war ich ja eine Schreimutter. Das finde ich wirklich nicht toll und meine Kinder noch viel weniger. Aber ich wurde besser mit den Jahren. Also, nicht mit dem Schreien... aber damit, ruhiger und gelassener zu sein. Situationen anzunehmen und los zu lassen. Neues vorzubereiten. Zu Üben, sich Zeit zu nehmen. Und die Kinder zu ermutigen, statt zu recht zu weisen. Die eigenen Gefühle auszuhalten und die der Kinder auch. Die sind nicht immer mit meinen Vorhaben einverstanden. Ich will ja auch nicht, dass sie immer schön brav kooperieren. Wenn wir nämlich die Gefühle der Kinder immer unterdrücken („Jetzt höre endlich auf mit dem blöden Gejammer!“) dann können die Kinder weder ein gesundes Selbstwertgefühl noch eigene Erkenntnisse im Leben entwickeln.

Die Kinder haben ein Recht darauf, Gefühle zu haben und zu zeigen. Und das ist dann halt so, dass sie sich auch mit Händen und Füssen und lauthals ausdrücken. Die Frage ist: Hältst du das aus?

„Nur wer hin und wieder den Boden unter den Füssen verliert, spürt ihn danach auch wieder richtig. Das geht uns nicht anders als den Kindern.“

Die Kinder nehmen keinen Schaden, wenn sie dich so erleben, wie du bist, denn sie lernen ja auch von dem, was wir nicht können und wie wir damit umgehen. Liebe Grüsse, Tonia

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Antwort von Lisa:

Liebe Tonia, es geht mir gut. Sehr gut sogar! Wir hatten es die letzten Tage richtig schön zusammen. Das tat gut! Was mir persönlich enorm geholfen hat, ist, dass ich die Gefühle von Anna - ihre Wut aushalten muss, darf, kann. Ich habe sie auch vorher nie daran gehindert, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen; aber ich habe mich immer dafür verantwortlich gefühlt und mir dann die Schuld an ihrem Ausraster gegeben. Seit deiner Rückmeldung konnte ich die Wut einfach besser annehmen und mir nicht die Schuld dafür gegeben!

Danke für deine Zeilen und dass du dir so viel Zeit nimmst! Ich habe mir auch noch viele Gedanken gemacht. Und ja, es hat viel mit Grenzüberschreitungen zu tun. In meinem Fall haben aber nicht nur die Kinder Grenzen überschritten, sondern vor allem die Familie meines Mannes. Diese verletzen mich viel mehr! Wenn sie „in meine Persönlichkeit“ und in unsere Familie eindringen, dann bin ich still und sage nichts dazu. Wenn jedoch die Kinder mir zu nahe kommen, bzw. Grenzen überschreiten und mich somit nicht achten, so wie ich mir das wünschte, dann raste ich manchmal aus. Bei seiner Familie schlucke ich es, statt raus zu lassen. Und dann leiden die Kinder doppelt - ich denke, das löst bei mir dann nicht nur ein schlechtes Gewissen aus, sondern eben auch Schuldgefühle! Verstehst du was ich damit sagen will?

Ich denke, ich muss noch mehr lernen, meine Grenzen gegenüber anderen Menschen (nicht gegenüber meinen Kindern) klarer zu zeigen und ihnen auch mitzuteilen, wann es zu viel ist! Vielleicht wäre das noch ein Punkt.

Und was mir auch noch wichtig erscheint. Gerade, wenn es eben Situationen sind, wo andere dabei sind. Sei es am Tisch, wenn Besuch da ist, im Zug oder beim Einkaufen. Wenn ich mich von anderen beobachtet fühle, dann verhalte ich mich so, wie ich das Gefühl habe, dem anderen passe es besser so. Die Kinder kennen mich dann nicht mehr, und sie reagieren nochmals anders. Also ein richtiger „Teufelskreis“. Weisst du, was ich meine? Ich bin nicht authentisch, wenn andere Menschen mich beobachten und das führt mit den Kindern oft zu stressigen Situationen. Ich darf also lernen, auch unter Andersdenkenden zu mir zu stehen! Ach, das ist doch ein Lebensthema!!! Aber die Kinder helfen mir ja dabei! :-)

Ich danke dir nochmals herzlich für deine Tipps. Herzensgruss, Lisa