Weg mit dem Druck!

  • „Wir haben freie Minuten, die wir uns verdienen können, wenn wir ruhig sind.“
  • „Das geht in der Klasse bei uns so: Wenn ich drei Striche habe, ist das gut. Dann kriege ich eine Belohnung.“
  • „Es gibt für alle Striche, die dienen zur Übersicht für den Lehrer. Es passiert dann aber nichts. Ausser vielleicht ein Telefon zu den Eltern nach Hause.“
  • „Es gibt Gutscheine. Die muss man je nach dem abgeben. Und umwandeln. Also, wenn ich die Hausaufgaben vergesse, zum Beispiel. Und das trägt man dann ein in diese Liste. Zum Vergleichen mit den andern und um zu sehen, wie gut man ist. Ich verstehe es nicht so ganz. Ist kompliziert!“
  • „Wenn wir auf Mama hören, gibt es einen Sticker. Und wenn das Blatt voll ist, gibt es ein Geschenk. Ach, und wir haben gleichzeitig drei solche Punktekarten. Fürs Zähneputzen, für Helfen und fürs gut Zuhören.“
  • „Ich darf mich selber beurteilen, wie ich heute im Kindergarten war. Mit Smileys, die kann ich ausmalen.“

Dies sind alles Aussagen von Kindern. Ihr Verhalten sollte scheinbar verändert werden. Wir alle kennen dazu verschiedene Systeme, die helfen sollten, Kinder zu beurteilen und sie zu einer Verhaltensänderung zu bewegen. Sie dienen einerseits zur Visualisierung über den Stand, wie sich das Kind im Moment verhält, ob es sich verändert, ob es lernt, ob es sich verbessert. Man könnte auch sagen: ob es sich dem anpasst, was wir von ihm fordern. Wir arbeiten dabei mit der sogenannten positiven Erziehung. Dabei gibt es Punkte, Kleber oder Striche auf dem Weg zum im Voraus bestimmten Ziel. Oftmals geht es um Ruhe, Konzentration, Frieden, sich benehmen, zuhören, Befehle befolgen. Wie tönt dies? Nach einer glücklichen Familienzeit? Nach Spiel, Spass und neuem Lernen? Nach der heutigen Zeit? 

Nein! Ganz im Gegenteil. Es ist der alte Gehorsam, mit dem leider immer noch gearbeitet wird. Und von dem wir uns langsam aber ganz sicher verabschieden sollten. Es gibt andere, neue und mit der Zeit erstaunlich viel leichtere Wege, die wir Menschen zusammen gehen können. Es handelt sich um das neue Paradigma in der Erziehung. Und dabei spielt die Beziehung die allergrösste Rolle. Das, was zwischen uns ist. Das, was wir so sehr beeinflussen können. Statt also krampfhaft zu versuchen, den Kindern Systeme und Pläne mit Strichen, Punkten, Konsequenzen, Strafen oder Geschenken beizubringen, sollten wir ihnen zeigen, um was es geht und dabei sagen, was wir wollen. Die schlichte Frage, die wir uns zuerst mal in Ruhe stellen sollten, lautet: „Was will ich?“

Viele Methoden und Systeme, die Erwachsene uns mal ausgedacht haben, um das Verhalten der Kinder zu verändern, sind dabei völlig überflüssig! Und so täten wir uns gut daran, die Zeit, die wir damit verbringen, sinnvoller zu nutzen und stattdessen in die Beziehung mit den Kindern zu investieren. Wir könnten ihnen beispielsweise Raum und Zeit geben, um uns zu sagen, was sie denken. Welch wertvolle und schöne Momente werden entstehen!

„Der Anfang eines Gesprächs besteht in der Freiheit der Familienmitglieder, zu sagen, worauf sie Lust haben.“ (Jesper Juul)

Und vielleicht beginnen wir auch damit, zu sagen, worauf wir Lust haben. Und dadurch kann sich ein Gespräch entwickeln. Im Gegensatz dessen was passiert, wenn wir dem Kind unsere Fragen stellen ...

Schenken wir den folgenden drei Punkten unsere Beachtung:

Störungen haben Vorrang

  • Lass die Kinder reden, wenn sie reden wollen und auch können. Achte dich darauf, wenn es richtig und wichtig ist, und dann nimm dir diese Zeit!

Sei authentisch

  • Zeige dich so, wie es dir entspricht. Sei echt und unverstellt.
  • Dein Denken, Fühlen und Handeln stimmen überein.
  • Sage selber, was du willst.

Gleiche Würde

  • Jeder darf Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche haben und diese äussern.
  • Ich bin ok, so wie ich bin! Und du bist es auch.
  • Je mehr ich denke, nicht in Ordnung oder wertlos zu sein, desto weniger bin ich in der Lage, das Richtige zu tun.

Die Kinder tun das Beste, was sie können. Manchmal genügt uns das nicht oder erscheint uns falsch und dann - manchen wir Druck. Oder die Schule macht Druck. Und wir denken, ohne den gehe gar nichts. Und dabei vergessen wir, dass alle Menschen eigentlich immer einen Grund für Ihr Verhalten haben. Viele Kinder und Jugendliche stehen zu Hause und in der Schule unter grossem Druck. Und dann kann es passieren, dass dieser immer mal wieder raus muss, um nicht zu platzen. Oder es geht dann plötzlich einfach gar nichts mehr von alleine. Diese Kinder werden sich wertlos fühlen. Schliesslich hat ihr Dasein ohne viel zu leisten für niemanden in der näheren Umgebung einen Mehrwert! Traurig, nicht? Und da kommen die Eltern und Lehrpersonen und Therapeuten und Ärzte und Apotheker und Bekannte mit all ihren Hilfsmittel und Systemen und Methoden zur Verbesserung es Verhaltens von Kindern! Und alle sagen, dass es funktioniert, wenn man nur wolle! Dabei entsteht noch mehr Druck mit dem Gefühl: „Alleine, und ohne all diese Hilfe schaff ich ja gar nichts! Also lass ich es doch gleich sein. Oder mein Körper wird krank. Oder ich mach Quatsch, um wenigstens ein bisschen Spass zu haben.“

Und dabei wäre es doch so leicht: Weg mit dem Druck! Zuerst mal weg mit dem eigenen. Und dann ... höre ich dir mal selber zu. Und sage dir in Ruhe, was du eigentlich im Leben willst.

Herzlich, Tonia von Gunten