Regretting Motherhood - Die Mutterglück-Lüge

Warum ich lieber Vater geworden wäre

Vorneweg sei gesagt: Das Buch wühlte mich auf und schmerzte zeitweise. Keine leichte Kost, doch dies hielt mich nicht davon ab, es bis zur letzten Seite durchzulesen ...

Sarah Fischer ist Mutter einer zweijährigen Tochter. Sie beschreibt offen und ehrlich ihre eigenen, meist negativen Aspekte der Elternschaft und

fragt sich dabei: was ist heute „normal“, was wird von der Gesellschaft erwartet? Sie sagt es bereits im Titel des Buches: Sie wäre lieber Vater geworden. Selber empfindet sie grosse Reue, Mutter geworden zu sein. Und das lies mich beim Lesen immer wieder leer schlucken und über das Thema der Reue nachdenken. Die Debatte um Regretting Motherhood ist ja heute in aller Munde, was endlich Zeit wurde. Und ich hoffe sehr, dass sich dadurch etwas ändern wird. Doch wie lange macht es Sinn, eine Sache, die sich wirklich nicht mehr ändern lässt, so zu bedauern? Ich weiss wie schwierig es ist, Dinge anzunehmen, die persönlich unangenehm empfunden werden. Die nicht so laufen, wie man es sich vielleicht ausgemalt hat. Wie es ist, wenn man nicht mehr alles selber in der Hand hat. Genau das ist meiner Meinung nach doch der springende Punkt bei der Mutterschaft der Autorin. Doch so ist es im Leben, niemand kann zurück! Nun, ich kann mir jeden Tag von neuem sagen, wie ungerecht das Leben mir mitspielt und dass dabei die Tatsache, Mutter zu sein, daran Schuld sei. Oder aber ich kann versuchen, es für mich und meine Familie so zu recht zu biegen, dass es ein bisschen besser passt und vielleicht sogar Spass macht. Das vermisste ich im Buch. Man erfährt sehr viel darüber, was alles für die Autorin nicht stimmt, was schwierig am heutigen Muttersein für sie ist und wie unglücklich sie sich mehrheitlich fühlt: Themen sind die finanzielle Abhängigkeit, das Fernweh, ihre veränderte Beziehung. Es geht um die Vollzeitstelle, die sie in Teilzeit erledigte. Interessant finde ich den Vergleich der Kinderbetreuung verschiedener Länder. In der Mongolei, und darüber weiss Sarah Fischer als Mongolei-Expertin wirklich Bescheid, lutschen Kinder Fettstücke statt Schnuller! Diese Vergleiche sind spannend und man wird dabei schon dankbar und vielleicht auch ein bisschen demütig.

Meiner Meinung nach empfindet sich die Autorin in allen Belangen als ungenügend. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie sich vor der Geburt ihres Kindes immer über ihre eigene Leistung und der Arbeit definierte. Das Selbstvertrauen war dabei hoch, sie wusste was sie gut konnte. Und nun fiel das plötzlich zu einem grossen Teil weg! Ihr Selbstwertgefühl liegt im Keller! Sie ist mit den Umständen nicht zufrieden, wünscht sich viele Veränderungen in der Gesellschaft, in welcher sie lebt und arbeitet. Sie sagt, dass sie ihr Kind zwar liebe, an der Rolle der Mutter jedoch verzweifeln könnte, weil ihr bis anhin sehr selbstbestimmtes Leben mehr und mehr verloren geht. Zitat Seite 61: „Ich bin ziemlich zuverlässig und halte meine Termine in der Regel ein. Doch nun musste ich lernen, dass ich nicht mehr allein für meine Termine zuständig war.“ Weil sie weniger und nicht mehr so arbeiten kann, wie sie es früher immer tat.

Sarah Fischer möchte, dass es ihre Tochter einmal besser hat, wenn sie selbst einmal Mutter wird. Das ist ein Wunsch, den viele Eltern haben und dabei schwer auf den Schultern der Kinder lastet: „Du sollst es einmal besser haben. Schau mal, was ich alles tun muss, wie ich mich aufopfere, wie schlecht es mir dabei geht!“ Ich denke, dass ein Kind spürt: Meiner Mutter geht es schlecht. Und ich bin wohl daran schuld.“

Meine Kaufempfehlung: Ich empfehle das Buch zur Debatte um Regretting Motherhood, weil es berührt und sicherlich vielen Müttern aus der Seele spricht. Es kann helfen, sich mit schwierigen Gefühlen nicht alleine zu fühlen. Sarah Fischer hatte den Mut, über Regretting Motherhood zu schreiben und ihren Text zu veröffentlichen. Leider ist der Jammerfaktor sehr hoch. Es geht kaum um heute mögliche und sinnvolle Möglichkeiten in  der Mutterschaft. Vielfach bleibt das Erlebte bei den Gedanken und negativen Gefühlen. Doch wie kriege ich als Frau und Mutter das ganze Familienleben auf die Reihe, damit es gut oder besser gehen könnte? Dieser Aspekt fehlte mir im Buch.

Buchbesprechung von Tonia von Gunten, www.elternpower.ch

 

Die Mutterglück-Lüge, Regretting Motherhood, Warum ich lieber Vater geworden wäre von Sarah Fischer.

Broschiert, 240 Seiten ist am 8. Februar 2016 im Ludwig Buchverlag erschienen.

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