Mobbing – Kinder wissen, wie man es stoppt.

In ganz Europa mobben Kinder andere Kindern in Schulen und Klassen.  Auf sozialen Kanälen wurde in den letzten Zehn Jahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht. In diesem Artikel konzentriere ich mich auf Mobbing in Schulen. Es wurden die verschiedensten Programme erfunden und Methoden entwickelt und von Gemeinden gekauft. Soweit wir wissen... (Schweden betrieb dabei sehr gründlich Follow-up-Forschung), hat nichts davon Mobbing verhindert oder gelöst, im Gegenteil!

Es scheint, dass nach einem kurzen positiven Einfluss des ersten, zweiten Jahres die Menge von Mobbing Vorfällen sogar noch höher ist als sie es vor den Kampagnen waren. So wurden Millionen verschwendet und die Kinder? Wurden wieder einmal allein gelassen.

Die Opfer von Mobbing bekommen meistens keine Hilfe und Unterstützung, abgesehen von moralischen. Viele Eltern entscheiden, eine andere Schule für sie zu finden. Die Kinder, welche andere mobben, werden dafür verantwortlich gemacht, indem ihr Verhalten Konsequenzen nach sich zieht. Sie werden bestraft. Beiden Gruppen von Kindern erhalten keine alternativen Möglichkeiten, nämlich zu lernen, mit sich und mit den andern umzugehen.

Der Grundfehler hinter den meisten Kampagnen ist die Annahme, dass Mobbing in den Köpfen der Kinder stammt. Dies ist jedoch nicht der Fall! Es ist wahr, dass Kinder die Fähigkeit haben, grausam und hässlich zueinander zu sein. Aber ob sie dies dann auch tun, liegt ganz daran, wie und ob die Erwachsenen führen. Auf die gleiche Weise spiegelt Mobbing bei der Arbeit der Erwachsenen die Qualität der Führung. Wir wissen aus unserer klinischen Erfahrung, dass in den Schulen, wo viel Mobbing unter Kindern stattfindet, es auch unter den Lehrern Mobbing gibt. Der einzige Unterschied ist, dass intelligente Erwachsene sehr subtile Möglichkeiten dafür finden. Möglichkeiten, die nicht so leicht bewiesen werden können. Mobbing ist immer eine Reaktion auf ein gestörtes soziales System in Institutionen und Organisationen.

Die wichtigsten Position in der Führung hat die Schulleitung. Deren Führungsstil zeigen sich in den Werten, Prinzipien und im Verhalten der meisten Lehrer wider. Die Eltern sind dabei auch sehr wichtig. Können sie eine konstruktive Rolle in der Schule spielen? Oder werden sie nur aufgefordert, ihren Kindern Druck zu machen und die Schuld dadurch zu erhöhen?

Meist ist Mobbing in einer Einrichtung ein Führungsproblem und um diese Herausforderung anzugehen, muss sich die Kultur der betroffenen Schulen verändern. Die Stimmung unter den Lehrpersonen muss verbessert werden. Die meisten brauchen eine Weiterbildung in entwicklungs- und Sozialpsychologie sowie eine angemessene Ausbildung ihrer Führungskräfte. In diesen Bereichen haben leider die wenigsten Lehrer bisher Bildung enthalten. Der zweite Schritt ist eher eine philosophische Veranstaltung, die sich sehr von einem moralischen Vortrag für Schüler unterscheidet. Diese muss innerhalb des ersten Monates des ersten Schuljahres stattfinden und wird über 50 Minuten in Anspruch nehmen.

Fragen Sie jedes Kind: "Was ist ein guter Freund?" - Hören Sie sich dann die Antworten an, ohne sie zu kommentieren oder auszuwerten und lassen Sie die Kinder in kleinen Gruppen und unter sich sprechen. (Dabei ist es wichtig, dass Mädchen und Jungen gemischt werden). Am Ende kann die Lehrperson an der Tafel die Äusserungen zusammenfassen. Stellen Sie sicher, dass alle Schüler, Lehrpersonen und Eltern informiert und aufgefordert werden, an dieser Veranstaltung interessiert zu sein und teil zu nehmen.

Diese Übung sollte mindestens einmal im Jahr wiederholt werden. Eine zusätzliche Frage sollte dabei gestellt werden: Hat jemand von euch eine schlechte Erfahrung mit einem anderen Kind gemacht? Was ist passiert und wie hast du dich dabei gefühlt? Kinder werden diese Frage ohne Angst beantworten, wenn sie erfahren haben, dass ihre Lehrer solche Vorfälle ohne Rückgriff auf moralische Schuld, Drohung, Konsequenz oder Strafe erleben.

Generell ist es wichtig, dass Kinder sich immer sicher und auch geschätzt fühlen dürfen, wenn sie etwas, das nicht genau auf den Lehrplan bezogen ist, sagen wollen. Es ist so, dass Schulen, die bestrebt sind, eine Dialog basierende Kultur zu schaffen, in dieser Hinsicht erfolgreicher sind als andere. Das folgende Beispiel kann als eine spezielle und mutige Tat von einem außergewöhnlichen Kindes angesehen werden. Es ist aber vor allem eine Tatsache, dass ihre Initiative ohne ein grosses Engagement der beteiligten Erwachsenen nicht möglich gewesen sein könnte. Es wäre quasi eine Idee im Kopf eines Kindes geblieben, nie ausgesprochen. Glücklicherweise durfte das Kind sagen, was es dachte. Und die Idee trug Früchte!

Ein acht Jahre altes dänisches Mädchen fragte ihre Lehrperson um die Erlaubnis, aufzustehen und ihren Schulkollegen etwas persönlich zu sagen. Der Lehrer schlug vor, dass sie die Nachricht von ihrem Platz aus sagen solle. Das Mädchen bestand jedoch darauf, sich vor alle ihre Klassenkameraden zu stellen. "Ich habe etwas Wichtiges zu sagen! Einer der Jungen in dieser Klasse hat Mühe mit dem Lernen. Und einige von euch mobben und necken ihn. Das macht ihn sehr unglücklich, und ich denke, es ist falsch und ihr sollt damit aufhören.“

Ihre Klassenkameraden applaudierten ihr. Am gleichen Abend rief ihre Lehrperson die Mutter an. Sie erzählte, was das Mädchen getan hatte, und dass sie stolz auf sie sein könnte. Die Mutter veröffentlichte daraufhin die Geschichte auf Facebook. Hunderte von Menschen lasen die Geschichten über Nacht. Mutter und Tochter traten im Fernsehen auf. Die Geschichte wurde an die Öffentlichkeit getragen und in Hunderten von Klassenzimmern und Familien diskutiert.

Dem Mädchen selbst war dies ein wenig unangenehm. All die Erwachsenen, die sie loben und zu einer Art Nationalheldin erheben wollten. Sie sagte: "Ich habe nur gesagt, was alle meine Freunde denken. Ich fühlte mich schlecht für den Jungen." Mehrere Interviews mit ihrer Lehrperson haben danach deutlich gemacht, dass alle Lehrer an der Schule dafür sehr engagiert während Jahren gearbeitet hatten, um die Kultur und Umwelt zu schaffen, die es dem Mädchen ermöglichte, aufzustehen und seine Sorge zu äussern, ohne Angst, selber gemobbt zu werden. Kinder haben das Einfühlungsvermögen und die Einsicht. Sie können zwischen richtig und falsch unterscheiden, aber die verantwortlichen Erwachsenen müssen die richtige Atmosphäre dazu schaffen.

Es ist sehr oft der Fall, dass Kinder, die andere Kinder als ihre Opfer einzuschüchtern, ein gemeinsames Merkmal aufweisen. Es fehlt ihnen ein gesundes Selbstwertgefühl. Diese Tatsache zu vermitteln, ist für Lehrer und Schulpsychologen oft schwierig. Für die Eltern ist es nicht einfach, dies zu hören und zu realisieren. Die Herausforderung ist dabei: Wie können wir die Entwicklung des gesunden Selbstwertgefühls der Kinder unterstützen? Leider haben sowohl die Eltern wie auch die Lehrpersonen eine Tendenz, das Selbstwertgefühl mit dem Selbstvertrauen zu verwechseln. Sie haben einfach nicht das nötige Wissen, um ihre Kinder und Schüler dabei zu unterstützen. Deshalb sollten sie selber durch Weiterbildung gefördert werden und es lernen dürfen.

Eine Schule funktioniert quasi wie eine Familie. Beide Systeme werden häufig durchgerüttelt und durch das Verhalten der Kinder in Frage gestellt. Und beide haben eine lange Tradition bei der Bestrafung von unerwünschtem Verhalten der Kinder. Seit mehr als einer Generation haben wir dabei erkannt, dass die meisten dieser Verhalten eine individuelle Reaktion auf ein dysfunktionales System ist. Wir als Eltern und Lehrer können dabei „Mobbing“ als die Einladung der Kinder zur Verbesserung des Systems erkennen und dafür die Verantwortung übernehmen.

Es darf nicht länger gelten, Mobbing als individuelles Problem einzelner Schüler anzusehen. Für Mobbing trägt niemand alleine die Schuld.

© Jesper Juul

Übersetzung: Tonia von Gunten, 04.09.2015, www.elternpower.ch