Grenzen - meine oder die der Kinder?

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„Ich verstehe es nicht ganz. Was heisst das denn konkret, die eigenen Grenzen kennen zu lernen und einem Kind davon zu erzählen? Ein Kind braucht es doch, dass wir Eltern ihm Grenzen setzen!“ So lautete eine Frage, die mir kürzlich ein Vater stellte.

Nein, kein Kind braucht es, dass wir ihm Grenzen setzen. Es gibt Grenzen, das ist klar, und jeder hat sie. Auch kennen wir solche, die für die Allgemeinheit gelten, damit eine Gesellschaft besser funktioniert. Doch die für mich weitaus interessanteren Grenzen sind unsere eigenen, die Persönlichen. Die wir so oft eben nicht wirklich kennen. Es ist dabei so viel angenehmer, diese verstehen zu lernen, statt den andern welche zu setzen. Nur haben wir das leider selber kaum in unserer Kindheit lernen dürfen. Was wir lernten in Schule und zu Hause (neben Math, Sprachen, Geschichte und Geografie) war, die eigenen Gefühle und Grenzen zu unterdrücken. „Man weint doch nicht!“ „Als Junge schickt sich das nicht.“ „Ist doch gar nichts passiert, nicht so schlimm!“ „Na, jetzt nimm dich aber mal zusammen.“ Wer lernte schon seine ganze Gefühlspalette kennen und erleben, wie sich das alles anfühlt, wie es vorbei geht und wie gut man da wieder rauskommt, wenn man es selber erleben darf? Wer durfte als Kind in liebevollem Dabeisein von Erwachsenen weinen, bis wirklich keine Tränen mehr kamen? Wer durfte selber mit dem Essen aufhören und Dinge stehen lassen? Vom Tisch, wenn er nicht mehr sitzen konnte? Selber kleine Pausen machen in der Schule? Wer lernte, in seinem Leben achtsam zu sein? Ich vermute mal, die wenigsten von uns! So let’s beginn ...

Dabei geht es mir heute um die eigene, innere Haltung. Daran kann jede und jeder von uns arbeiten. Wollen wir Kinder noch so erziehen, wie man es vor 50 Jahren machte? Muss es denn so sein, wie ich es persönlich erlebt habe? Nicht dass alles früher schlecht war, doch leben wir hier und jetzt, ob wir das wollen oder nicht. Ich finde es übrigens super, wenn auch nicht immer einfach. Doch wir haben es heute in der Hand, unser Leben, wenn wir dies wollen!

Will ich meine eigenen Kinder wirklich als Objekte behandeln und immer wieder den Tarif durchgeben und auf das Kind runter befehlen? Oder möchte ich stattdessen nicht viel lieber einen gleichwürdigen Umgang pflegen? Wo sich jeder wertvoll und willkommen fühlt, weil er so sein darf, wie er ist? Und sollte er sich dann mal echt daneben verhalten (was menschlich ist und immer mal wieder vorkommt) können es die andern ja sagen, wenn sie es dann nicht mehr aushalten. Dann erzähle doch am besten ein bisschen von dir! Wie geht es dir dabei? Jetzt, im Moment? Ja, von deinen Grenzen, die vielleicht gerade mal überschritten wurden. Jede Person ist anders, auch bei dir zuhause, und es macht wirklich Sinn, den andern in der Familie immer mal wieder ein bisschen was Persönliches von sich zu erzählen.

Mir ist es zum Beispiel wichtig, dass ein Kind mir hilft, wenn ich die Hilfe wirklich benötige. Und mit wirklich meine ich nicht einfach immer, oder weil wir einen Arbeitsplan haben oder weil ich diese Hilfe einfach haben will oder weil ich damit erreichen möchte, dass die Kinder selbstständiger werden. Übrigens wird kein Mensch dadurch selbstständig, in seiner Kindheit tagtäglich den Tisch zu denken. Meine Güte, was ist das schon? Es sind wirklich nicht diese Sachen, die einen Menschen in seinem Leben weiterbringen. Die kleinen Hilfen im Haushalt! Wer will da schon immer den Diener spielen? „Kind, hole mir das! Kind, nun bringe mir dies! Kind, jetzt müssen wir noch jenes und dann werden wir noch dieses.“ So läuft das in vielen Familien und abends vor dem zu Bett gehen wundert man sich, warum die Kinder so ausser sich geraten ... Wir haben, vielleicht einmal mehr, auch mal wieder ihre Grenzen überschritten. Ja, auch die Kinder haben eigene Grenzen! Sie haben eine eigene Integrität, ihre ganz eigene Persönlichkeit. Es sind nicht einfach kleine Kopien von uns, auch wenn wir manchmal den einen oder andern Zug von uns in ihnen erkennen. Auch lassen sie sich nicht beliebig mit Wissen und Worten füllen. Wir sollten lernen, ihre innere Verantwortlichkeit zu beachten. Dadurch werden die Kinder in der Lage sein, selber zu handeln, aber auch mitzumachen, mit uns zu kooperieren. Und wenn wir uns für ihre Integrität sorgen, dann hat das Kind eine gute Grundlage, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln und uns mit unseren Grenzen, die wir nun mal alle haben, ernst zu nehmen und zu achten.

„Auf lange Sicht sollte es so sein, dass unsere Beziehung zum Kind von gegenseitigem Respekt statt von Manipulation geprägt sein wird.“ Tonia von Gunten

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