4 Werte, die Eltern & Jugendliche durch die Pubertät tragen – von Jesper Juul

Buchbesprechung von Tonia von Gunten

Perfekte Eltern? Die gibt es nicht. Und die muss es auch nicht geben.

Damit beginnt das Vorwort im Buch „4 Werte, die Eltern & Jugendliche durch die Pubertät tragen“ von Jesper Juul. Jeden Tag erleben Eltern, wie ihre Kinder sich weiter entwickeln. Oftmals sehr positiv, aber manchmal läuft es buchstäblich in eine falsche Richtung.

Können Eltern da entgegen steuern und wie sollen sie ihren Kindern helfen? Das Buch beinhaltet Briefe von Eltern und Jugendlichen, die Jesper Juul um Rat fragen. Der Autor geht mit seinen hilfreichen Antworten auf die jeweils sehr persönlichen Situationen der Familien mit klaren und direkten Worten ein. Und dabei wird kein Thema ausgelassen. Es geht um Konflikte und Situationen in Patchwork Familien, um Stiefeltern, um die neue Freundin des Vaters, um sich quer stellende Teenager, um Themen wie Essen, Alkohol, Drogen, Medienkonsum, Selbstmord, Lernen, Ordnung, Kleidung und Körperfixierung. Das Buch zeigt auf, wie Heranwachsende ihren eigenen Weg finden und Eltern in stürmischen Zeiten gelassen damit umgehen können.

Wir Leser sind eingeladen, die Anregungen aufzugreifen und dabei über unsere eigenen Wertvorstellungen nachzudenken. Denn oftmals vermitteln wir Eltern unseren Kindern unbewusst einfach mal die Werte weiter, welche wir selber in der Kindheit erlebt haben. Schliesslich wurden wir ja auch damit gross. Man ist gehorsam! Fleissig und nett. Und plötzlich merken wir, dass sich diese Ansichten heute für niemanden mehr konstruktiv erweisen. Jesper Juul plädiert deshalb für ein neues Paradigma in der Erziehung. In seinen Augen haben dabei heute die folgenden Werte, um die es im Buch geht, Gültigkeit: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Verantwortung.

Wie es Eltern schaffen, mit den Kindern auf gleicher Augenhöhe zu sein und was es mit der neuen Haltung der Gleichwürdigkeit in der Familie genau auf sich hat, wird anschaulich beschrieben. „Vertrauen ist die beste Medizin gegen Ihre Angst und die beste Unterstützung, die Sie Ihrem Sohn in den nächsten fünf bis sechs Jahren zukommen lassen können“. (Zitat, Seite 17)

Wie Jugendliche zu sich selbst finden können und dabei Eltern ihre eigene Persönlichkeit wahren, erfahren wir im Kapitel Integrität. Es geht darum, die eigenen persönlichen Grenzen kennen zu lernen und die der andern zu respektieren, statt Grenzen für die Kinder zu definieren. Klar wird dem Leser, dass sich Eltern mit den Bedürfnissen ihrer Kinder auseinandersetzen müssen, dabei aber gut und gerne auch mal Nein zu deren Wünschen sagen sollen. Was dann aber nicht heisst, dass sich die Jugendlichen unbedingt danach richten werden. „Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Chance, belogen zu werden, mit der Anzahl an Verboten steigt.“ (Zitat, Seite 49)

Früher hatten die meisten Kinder grossen Respekt vor dem Lehrer, dem Polizisten, den Eltern. Sie hatten dabei auch Angst, denn wer nicht gehorchte, dem drohte ja oftmals Strafe. Doch die Rollenautorität, die einst galt, gibt es nicht mehr. Wir erfahren im Kapitel Authentizität, wie wir stattdessen echt werden und zur persönlichen Autorität finden, indem wir uns selber nicht verstellen. Wie wir es schaffen, bei uns selber zu sein und dabei dennoch auch andere wahrzunehmen. „Ihr Sohn braucht Ihr vollständiges Vertrauen darauf, dass er das Beste aus seinem Leben macht, und zwar mit den Voraussetzungen, die er im Leben vorgefunden hat.“ (Zitat, Seite 107)

Wer führt in der Familie? Eine wichtige Frage, die viele Eltern aufhorchen lässt. Beim Kapitel Verantwortung kriegen Eltern meiner Meinung nach mit Hilfe des Buches einen ganz tolle Idee, wie es funktioniert, als Eltern die Verantwortung für Konflikte zu übernehmen. Und wann macht es eigentlich Sinn, den Kindern und Jugendlichen die Verantwortung abzugeben? In der Übergangsphase sollten wir wirklich auch mal loszulassen, statt eine Art Turboerziehung zu starten. Denn schliesslich geht es darum, dass Jugendliche lernen, die Verantwortung für sich selber wahrzunehmen. „Sparen Sie sich jede Kritik, und nötigen Sie Ihre Tochter, was die Zukunft betrifft, keine Versprechungen ab. Sie wird die Verantwortung erst übernehmen, wenn Sie diese abgelegt haben.“ (Zitat, Seite 135)

„4 Werte, die Eltern & Jugendliche durch die Pubertät tragen“ von Jesper Juul ist 2015 im Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München erschienen. Das Buch beinhaltet 176 Seiten, Hardcover, durchgehend farbig von Martin Haake illustriert. Am Ende des Buches befindet sich ein Wortregister zum Nachschlagen, Adressen und Websites sowie empfohlene Bücher und DVDs. Der Vorgänger des Buches heisst „4 Werte, die Kinder ein Leben lang tragen“ und ist in selben Umfang, mit ähnlichem Aussehen und Aufbau im 2012 bei Gräfe und Unzer erschienen.

Zum Autor: Jesper Juul ist 1948 ist in Dänemark geboren. Während 25 Jahren leitete er das Kempler Institute of Scandinavia und gründete 2004 sein Elternberatungszentrum familylab international. Er ist Bestsellerautor und einer der innovativsten Familientherapeuten Europas, plädiert jetzt für Loslassen statt erzieherischem Ehrgeiz.

Mein Eindruck: Das Buch eignet sich hervorragend für alle interessierten Personen, die mit Jugendlichen leben oder arbeiten und den Kontakt zu ihnen behalten oder wieder herstellen wollen. Jesper Juuls Ansichten und seine immer wieder herrlich ungeschminkten Worte an uns Eltern gefallen mir ausgesprochen gut! Mich spricht die Gestaltung des Buches mit den vier Farben Pink, Gelb, Petrol und Violett, die für die vier Werte stehen, an. Einzelne Zitate sind farblich zum jeweiligen Wert passend hervorgehoben, was den Text auflockert und das spätere Nachlesen im Buch erleichtert. Wer gerne neue und konkrete Familienbeispiele hat, dabei sein Verhalten und die eigenen Werte reflektieren möchte und die fadengeraden Aussagen von Jesper Juul nicht scheut, liegt mit dem Buch goldrichtig!

Tonia von Gunten, www.elternpower.ch

 

Buch kaufen: